Freitag, 13. November 2009

Korinth ist überall

"Wenn aber alles Dasein eingeschmolzen wurde in die Realität, in Familie, Volk, Beruf, Staat, in die Welt, und wenn dann dieses Realität versagt...
Karl Jaspers, Einführung in die Philosophie

"... ich fasse das Gesagte so auf, als wäre es allein zu mir gesagt"
Sören Kirkegaard, Einübung in das Christentum


Ich habe von allen Briefen des Neuen Testamentes an denjenigen besonderen Anteil genommen, die Paulus den Korinther schrieb. Ich finde unerhört viele Anknüpfungspunkte. Obwohl die Briefe vor 1950 Jahren geschrieben wurden, zeichnet sich die Gemeinde von Korinth als eine ausgesprochen moderne Gemeinde aus. Hier wie dort geht es um den Unterschied zwischen Wirklichkeit und Realität. Damit meine ich folgendes: Wirklichkeit und Realität sind nicht dasselbe. Die Realität gibt die Möglichkeit, das Dasein zu biegen, zu formen, es ein- und umzuschmelzen, bis daraus eine "Wirklichkeit" entstanden ist, die man beherrschen kann. Realität funktioniert, darin liegt ihr Reiz.
Leute, die die Mahnung im Munde führen, dass man jetzt realistisch sein müsse, gehören meist zu derjenigen Kategorie Menschen, die man gemeinhin als "Macher" bezeichnet. Ein Gutteil der Korinther Christen scheint dieser von sich selbst überzeugten, pragmatischen Kategorie angehört zu haben. Den Realisten gegenüber stehen die "Visionäre". Das sind diejenigen, die sich nicht nach der Decke strecken wollen, sondern nach dem Horizont. Es sind diejenigen, die sich von den Umständen eingeschränkt fühlen und nach den Möglichkeiten Ausschau halten. Die Visionäre zeichnen sich häufig durch ein starkes Sendungsbewußtsein aus, ein mitreißendes "Yes, we can!" Ich habe es noch nie erlebt, dass zwischen den Machern und den Visionären Frieden herrschte. Visionäre gab es in Korinth auch und ebenfalls heftige Streitigkeiten bis an den Rand der Spaltung. Das bemerkenswerte an der Gemeinde war - und an dieser Stelle sehe ich die größte Nähe zu uns heute - , dass sie nach außen trotz ihrer inneren Widersprüche ein beträchtliches Ansehen hatte. Sie hatte viele intellektuelle Gaben vorzuweisen, Beredsamkeit, einen umfassenden Schatz an Wissen und geistigen Resourcen, was, zugegebenermaßen anders als heute, in der von Griechenland geprägten Antike große Bedeutung hatte. Ebenfalls war sie vergleichsweise wohlhabend und hatte wenig unter religiösem Argwohn und Anfeindung zu leiden. Das lag möglicherweise daran, dass in der Hafen- und Handelsstadt Korinth Offenheit gegenüber neuen geistigen und religiösen Strömungen herrschte. Nach außen hatte sich die Gemeinde einen soliden Stand erworben. Innerlich war sie aufgerieben und mit sich uneins.

Was ich am Beispiel der Korinther Gemeinde beschrieb, ist eine ganz normale Realität von christlichen Gemeinschaften. Der scheinbare, "geglaubte Besitz des Seins" (Jaspers) kann eine solch Trägheit nach sich ziehen, dass das Christsein erstarrt und schließlich gänzlich zum Erliegen kommt. Und da stehen wir gegenwärtig. "Im Blick auf das, was landläufig unter Christsein verstanden wird, habe ich den Eindruck, dass es ein Leben mehr verändert, einen Dackel zu kaufen, als Christ zu werden." (Holger Bugenhagen in Aufatmen 2/09). Weniger auf Nachfolge Christi zielt unser Ehrgeiz, als auf Arrangements. Dieser Realität setzte Paulus nun die Wirklichkeit Gottes entgegen, in der er seit der Begegnung mit dem auferstandenen Jesus von Nazareth lebte. Er glaubte, seine Leute in Korinth seien mit ihr vertraut. Aber er merkte, dass sie ihnen fremd oder wieder fremd geworden war.

Paulus wies nach, dass sich die Korinther ihre Realität auf Kosten der Wirklichkeit zurechtschmiedeten. Nicht alles, was lautet, lebt (vgl. 1.Kor. 14,7) stellte er lakonisch gegen die pompösen geistlich-geistigen Selbstversuche der Korinther fest. Das ist ein betrübliche Gemeinsamkeit mit uns heute. "Wir sind nicht Kirche, wir spielen sie nur. Religiöses Entertainment ist Trumpf und wir merken es nicht, wie bei des Kaisers neuen Kleidern." (Klaus Eickhoff, Harmlos, kraftlos, ziellos). Beim Beklagen blieb Paulus freilich nicht. Kapitel um Kapitel zog er den Korinthern den Zahn ihrer selbstfabrizierten Wirklichkeit. Er rang mit ihr und zeigte sich dabei in allen Facetten seiner Person: Er belehrte, er ermahnte sie, war enttäuscht, wütend und dankbar über sie. Er maulte und segnete sie. Kurzum, er trat ihr nicht in einer bestimmten Rolle gegenüber, die ein bestimmtes Verhalten von ihm verlangte, sondern als ganzer Mensch in all seiner Widersprüchlichkeit und Hingabe.
Darin liegt die Faszination des Verhältnisses zwischen den Korinthern und Paulus: Die einen setzen ihre Kraft und ihren Ehrgeiz darein, sich ihre christliche Welt zu erschaffen, eine Welt, die sich möglichst vorteilhaft in die herrschenden Umstände einfügt. Paulus hingegen widersetzte sich mit allem, was er war, gegen ein solches Nischenchristsein, weil es an die Wirklichkeit nicht heranreicht und ihr damit widerspricht. Er war sich bewußt, dass wir auf die Wirklichkeit wie durch einen Spiegel auf ein dunkles, verborgenes Wort sehen. Aber er schrak vor dieser undeutlichen Ansicht nicht zurück. Vielmehr war er der Überzeugung, dass wir irgendwann die Wirklichkeit ebenso klar erkennen werden, wie Gott uns schon jetzt erkannt hat. Im Gegensatz zu den Korinthern, die sich mit ihrer selbstfabrizierten Realität zufrieden gaben und sich in sie zurückzogen, sehnte sich Paulus nach der Aussicht, Gott von Angesicht zu Angesichts zu sehen, beziehungsweise wiederzusehen. Denn einmal war er ihm ja schon begegnet. Er war in gewisser Weise ein visionärer Realist. Wohl hierin liegt die große Anziehungskraft, die die Korintherkorrespondenz auf mich ausübt. Wenn ich den Versen und Kapiteln folge, finde ich am Wegrand Hinweise, wie sehr Paulus gerungen hat. Einerseits immer mehr Teil der Wirklichkeit Gottes zu werden (und damit immer unglaubwürdiger, unangemessener, unangepasster, kurz unrealistischer aufzutreten). Andererseits der Gemeinde die Wirklichkeit neu klarzumachen und anzubieten, was zeigt, dass eine Gemeinde zum Hindernis des Glaubens werden kann, anstatt "Gemeinschaft der Heiligen" zu sein. Ich kann diese Hinweise zur Kenntnis nehmen, wie ein kulturbeflissener Wanderer die Kreuze und Kapellen auf einer Pilgerroute zur Kenntnis nimmt. Aber um Kleinstdenkmäler und Volkskunst geht es nicht. Es geht um die Entscheidung, selbst ein Glaubender zu sein.

Sonntag, 18. Oktober 2009

1.Kor. 13: Große Töne - hohe Klänge

"Es sieht aus, als wenn es etwas recht Schönes wäre, uns von uns selber abzulenken und abzubringen."
Montaigne, Mit dem Willen haushalten

Es gibt Worte, die so nahe an die Kraft dessen kommen, das sie bezeichnen, dass man meint, diese Kraft durch die Worte zu erfahren glaubt. Ein solch nahegehender Text ist das Hohelied der Liebe. Es ist zutreffend 1.Kor. 13 als Lied zu bezeichnen. Denn ein Lied kann noch über das Gesagte hinaustreten. Alte Menschen machen sich dies zunutze. Sie kennen Gebete und Kirchenlieder auswendig. Sie rekapitulieren sie in Gedanken im Klang der Melodie und treten so aus dem Vorhof ihres Glaubens in dessen Inneres. Das Memorieren von Chorälen ist kein letztes Betätigungsfeld für ein allmählich erlöschendes Gehirn. Es ist Ausdruck einer Lebenskunst. Die Gedanken eines anderen tragen einen.
Wie aber kann dies geschehen? Was verbindet mich mit dem, der das Hohelied der Liebe geschrieben hat? Paulus lebte vor bald 2000 Jahren. Ich stelle mir oft vor, was geschehen wäre, wenn ich ihm tatsächlich begegnete. Vermutlich hätte ich ihm, einem verbissenem, stotternden Pharisäer kaum zugetraut, solche Worte hervorzubringen. Ich nehme an, das Rätsel um die Wirkung des Hoheliedes der Liebe wäre noch größer, wenn ich Paulus gekannt hätte. Daher ist es wohl gut so, dass es mir nicht möglich ist, den historischen Paulus in Augenschein zu nehmen. Es geht ja nun auch in erster Linie um die Wirkung auf mich, nicht um eine historische Nagelprobe.
Kierkegaard steigerte diese Anschauung sogar noch. Er behauptete gegen die Geschichtsversessenheit seiner Zeit und seiner Kirche die Gleichzeitigkeit Christi. So wie er in die Welt getreten ist, ist noch heute in ihr gegenwärtig. Er muss nicht aus der historischen Maische durch theologische Fachleute herausdestiliert oder in frommer Willkür in einen dogmatischen Flaschengeist verwandelt werden. Christus ist. Ich hielt die Behauptung Kierkegaards für eine polemische These, die er gegen seine klerikalen Gegner ergriff. Jetzt aber denke ich, dass er die Erfahrung jener Nähe und Verbindung gemacht hatte. Er wollte nicht mehr durch theologische Sophisterei oder sturheilen Frömmigkeitssinn zurückgeworfen werden.

Was nun hatte den Apostel bewogen diese Worte niederzuschreiben? Der korinthische Glaubensstand konnte kaum dazu Anlaß gewesen sein. Dessen Oberflächlichkeit nagte an Paulus und ließ ihn zu der verdrießlichen Feststellung kommen, dass die Korinther trotz ihrer Beredsamkeit und vorgeblichen theologischen Verständigkeit unreif seien (1.Kor. 3,2). Dass sich Zermürbung und Resignation einstellen, ist die große Gefahr jeder oberflächlichen Gemeinde. Sie reißt den Glaubenden durch Palaver, Langeweile und nervtötendem Ehrgeiz aus seiner Mitte. Erstaunlicherweise verblieb Paulus in der Mitte seines Glaubens. Angegriffen war er schon, aber weder Hohes noch Tiefes, keine Macht und keine Kreatur konnten ihn aus der Liebe Gottes reißen (Röm. 8,39). Davon spricht das Hohelied der Liebe. Es spricht von der unmittelbaren Glaubenserfahrung des Apostels mit Gott und sich damit zugleich gegen jeden oberflächlichen Gemeindeglauben aus.

Montag, 28. September 2009

1. Kor. 12,30: Im Durchschnitt selig

Ihr seid der Leib Jesu Christi. Ihr seid Glieder an diesem Leib, jeder gemäß dessen, was er ist und was er vermag. ... Haben denn alle die Gabe, zu heilen? Reden sie in verschiedenen Sprachen? Können alle die heilige Schrift auslegen?
1. Kor. 12,27,30

"Das heranwachsende Kind steht davor und erblickt das Unmögliche: Es soll ein Individuum sein, sich aber nicht unterscheiden."
Roger Willemsen, Der Knacks


Die christliche Gemeinde ist eine Gemeinschaft mit vielen Talenten. Der kursiv gestellten Einheit widersprachen die Korinther ganz entchieden. Sie vereinzelten sich lieber. Sie betrachteten ihre Gaben als Auszeichnung und eben darin lag der praktische Sinn der Gaben.
Auf einem Plakat der Initiative die Gesellschafter stand die Frage "Nutzen wir die Talente unserer Gesellschaft?" Warum sollten wir? Es geht doch um die Auszeichnung durch die eigenen Talente, nicht die Würdigung der anderen. Ein wahrhaft frommer Wunsch, die Gemeinschaft als einen Körper mit vielen Gliedern zu betrachten, um aus der Fülle der Talente Gewinn zu schöpfen. Paulus verkannte schlicht die Interessenlage, indem er alle Talente würdigte.

Die Kirchen und christlichen Gemeinschaften heute haben einen dritten Weg gefunden, dem Dilemma aus Selbstsucht oder Ein-Leib-Sein zu entgehen: Es wird Durchschnittlichkeit und in gewissem Maße Uniformität gefordert. Ein Beispiel für den Trend zum Gleichen unter Gleichen ist die methodistische Kirche in Deutschland: Ursprünglich eher den sozial unteren Schichten zugetan und vom Enthusiasmus des Evangeliums geprägt, ist sie heute eine gediegene Mittelstands-Kirche geworden mit gelegentlichen sozialdiakonischen Anwandlungen und verhaltenen missionarischen Zugeständnissen. Da die unterschiedlichen Talente die Gefahr der Vermessenheit in sich bergen, begnet man der Selbstüberschätzung mit demutvoller Durchschnittlichkeit; Gaben sind gefährlich. Die Kirchen weichen im Grunde nur vom einen Dilemma ins andere aus. Sie treten zwar ohne Ehrgeiz auf, aber eben auch ohne jegliches Potential. Harsch beschrieb Harry A. Blamires bereits vor 20 Jahren diesen Zustand: "Die Christenheit ist kastriert worden, was ihre große intellektuelle Bedeutung angeht. Übrig geblieben ist vielleicht ein Sprachrohr für Spiritualität und moralische Führung auf individueller Ebene; aber auf der Ebene unserer Gesellschaft ist sie kaum weniger als der Ausdruck sentimentalen Zusammenseins." (Blamires in: McDonald, Ordne dein Leben)

Paulus verkannte weder die Gaben, noch die Selbstsucht der Korinther. Er sah in den Talenten der Gemeinde durchaus Gaben von Gott, aber eben nicht für ihn. Sie dienten der Selbstwürdigung, nicht dem Gedeihen der Gemeinschaft. Die christliche Durchschnittskirche von heute verhindert beides. Und so kann es nicht anders kommen, es muss der Eindruck einer lächerlichen, bedeutungslosen und langweiligen Gemeinschaft entstehen. Das Eindruck entschieden Prägekraft hat, zeigt das folgende Zitat. Es stammt aus einem Jugendbuch des erfolgreichen Autors Philip B. Kerr: "Hol mich der Teufel! Der hier ist seit 1599 tot. Sieht man ihm gar nicht an. Sieht haargenau aus wie der Vikar in unserer Kirche in Kensington. Vielleicht sind es Zwillinge. So wie der Mann sonntags den Gottesdienst hält, würd mich das nicht wundern."
Was die Korintherbriefe schildern, ist ein Urkonflikt: Sich selbst ernst zu nehmen, ohne sich in sich selbst zu verlieren. Die Korinther lösten die Verankerung vom Geber der Gaben und wiesen diese sich selbst zu. Die Vermessenheit, der sie sich hingaben, mag abstoßend wirken. Aber immerhin konnte Paulus in der Gemeinde noch die Möglichkeit der Wandlung erkennen. Die aber ist bei einer Kirche, die tödliche Langeweile ausstrahlt, nicht mehr vorhanden.

Montag, 14. September 2009

Kleingeld des Glaubens

1.Kor. 10,16 - Ich spreche zu euch, die ihr von eurer Klugheit und Verständigkeit überzeugt seid. Urteilt selbst gemäß eures Verstandes: Ist der Kelch, den wir segnen nicht der Kelch der Gemeinschaft des Blutes Christi? Ist das Brot, das wir teilen, ist es nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi?


Es ist nicht recht, über die Dinge zu urteilen, ohne sich ihnen selbst aussetzen zu wollen. Vorgeblich beschäftigt man sich mit ihnen intensiv, tatsächlich aber nur in abstrakter Weise und mit nur geringer echter Anteilnahme. Ich fragte einen Historiker, wie er es aushielte, den Details des III. Reiches nachzugehen, all demjenigen, das geschah und das so irrwitzig unmenschlich gewesen ist, dass man es nicht fassen kann. Er antwortete, sich abstrakte, wissenschaftlich der Unmenschlichkeit zuzuwenden, sei ein durchaus probates Mittel, sich eben nicht damit auseinanderzusetzen. Kierkegaard urteilte über eine solche Handlungsweise trocken: "Will man nun annehmen, daß das abstrakte Denken das Höchste sei, so folgt daraus, daß die Wirklichkeit und der Denker stolz aus der Existenz gehen und uns anderen Menschen das Schlimmste überlassen muß." (Abschließende unwissenschaftliche Nachrede).
Auf diese intellektuelle Vorhergehensweise spielte Paulus den Korinthern gegenüber an. Die Korinther hielten große Stücke auf sich. Paulus leugnete diese Gaben nicht oder minderte sie, indem er andere Gemeinden zum Vergleich heranzog, vor denen die Korinther nicht bestehen konnten. Realität wird durch Vergleiche am Leben gehalten. Es gibt stets ein Genauso-wie, das beruhigt, ein Schlechter-als, das tröstet und ein ein Mehr oder Besser, das enttäuscht oder neidisch werden lässt. Paulus stellte die Klugheit und Verständigkeit der Korinther nicht in Relation zu ... Er setzte sie in Beziehung zur Gemeinschaft mit Jesus. Diese Gemeinschaft eröffnet sich im Herrenmahl, aber zugleich ist sie auch Gemeinschaft derer, die daran teilnehmen. Die Besseren stehen neben (und zu) den Schlechteren, die Reichen neben den Armen, die Freigeborenen standen damals neben den Sklaven und die Unheiligen neben den Frommen. Beziehungsweise hätten es eigentlich.
Die Korinther Gemeinde aber folgte der Logik des Vergleichs. Die Gemeindemitglieder waren sich bewußt, dass sich der Stand eines angesehenen Bürger nicht mit dem eines um sein täglich Brot ringenden Tagelöhners vertrug. Deshalb hatte sich die Gemeinschaft des Herrenmahles, hatte sich die Kirche in Korinth aufgelöst, obwohl sie äußerlich nach wie vor fest und sicher auftrat - obendrein durch ihren Reichtum und ihre Begabungen als bevorzugte, gesegnete Gemeinde. Das erkannte Paulus: Wenn ihr zusammenkommt in der Gemeinde, höre ich, dass ihr euch in Parteien und Abspaltungen befindet und zum Teil glaube ich das auch. (1.Kor. 11,18)

Es ist betrüblich und ärgerlich, was hier geschieht. Ich hätte dem Apostel unverholenen Zorn zugestanden. Er hingegen mahnte vorsichtig durch Fragen, obwohl er allen Grund gehabt hatte, enttäuscht von den Korinthern zu sein und sich von ihr abzuwenden. Denn die Gemeinde wies die Wertschätzung Christi ab, die im Herrenmahl zum Ausdruck kommt. Sie ist "teuer erkauft" (1. Kor. 6,20), aber durch ihre Haltung und ihr Auftreten belehrten die Korinther Jesus eines besseren. Sie zeigten sich weitaus realistischer, weniger Christus-verträumt als der Apostel, indem die üblichen Konventionen, Umgangsformen und Unterscheidungen ihrer Umwelt auch in die Gemeinde übetragen. In der Gemeinde zählte die Gemeinschaft weder mit Christus, noch untereinander wenig. Deshalb mißtraute ihnen Paulus. Dieses Mißtrauen steht im Widerspruch zu der vollkommenen Liebe des Apostels, des Vaters der Gemeinde, wie er sich nennt. Die Brüche im Brief können als Beleg betrachtet werden, dass Paulus seinen Brief nicht in einem Zug schrieb, sondern mit Unterbrechungen. Je nach Gelegenheit und Absicht, je nach eigner Stimmung, je nach Gerücht, das ihm zugetragen wurde, schrieb er an ihm weiter. An den Widersprüchen, die so entstanden, störte er sich nicht. Das, was den Brief im Inneren zusammenhält, ist die tiefe Aufrichtigkeit, mit der er schreibt, nicht die schlüssige, bruchlose oder kunstfertige Argumentation.

Für mich zeigt sich darin, dass sich der große Geldschein der Liebe in Wertschätzung und Aufrichtigkeit, in die kleinen Münzen des Glaubens aufteilen lässt. Natürlich klingt der Satz nicht sonderlich poetisch: Und wenn ich wie ein Prophet redete und wüsste alle Geheimnisse und hätte alle Erkenntnis und einen Glauben, der Berge versetzen könnte, und hätte der Aufrichtigkeit und Wertschätzung nicht, wäre ich nichts.. "Liebe" schließt die Reihe der Superlative passender und zutreffender ab. Aber das Kleingeld des Glaubens ist handhabbarer, es muss nicht in Anführungszeichen gesetzt werden.

Samstag, 5. September 2009

Alles geben, um nicht zurückzubleiben

2.Kor. 6,9f - Wir sind unbekannt und doch bekannt; wir sterben und doch leben wir; niedergeworfen, zerissen, aber doch nicht getötet; traurig sind wir, doch zugleich voll Freude; arm, doch machen viele reich; nichts haben wir und doch besitzen wir alles. Oh ihr Leute von Korinth, wir haben uns euch geöffnet, weit ist unser Herz geworden ..., eng aber ist's in euren Herzen.


"Nein! Keiner soll vergessen werden, der in der Welt groß gewesen ist; aber ein jeder war groß in seiner Weise, und ein jeder im Verhältnis zur Größe dessen, das er geliebt hat. Denn wer sich selbst geliebt hat, wurde groß durch sich selbst, und wer andere Menschen geliebt hat, wurde groß durch seine Hingabe, aber wer Gott geliebt hat, wurde größer als alle."
Sören Kierkegaard, Furcht und Zittern


Für ihn gab es nur das Unbedingte. Paulus liebte unbedingt. Er ging vollständig auf für seine Gemeinde in Korinth und seiner Aufgabe an ihnen. Er setzte sich ganz und gar ein, ohne vor dem Jesus-Projekt ein Gewinn-und-Verlust-Konto geöffnet zu haben. Paulus war ein unberrechenbarer Mensch. Er liebte unberrechenbar und gab sich völlig hin. Er weiß, nichts von all dem, was er treibt, bringt etwas ein. Aber er geht davon aus, dass es sich unbedingt lohnt. Jemand, der sich so vollständig hingibt, hat keine Furcht mehr vor Widersprüchen und Paradoxien.
Das also ist der Riss, der "Sprung", der "Augenblick", der Realität von Wirklichkeit trennt: Hingabe. Etwas sein ohne Hintergedanken, ohne Berechnung, ohne Bedingung, ganz losgelöst und zugleich ganz bei sich selbst. "Der Leib: nicht ein Ding, nicht 'sein' oder 'ihr', kein Instrument für deine Tat oder Lust. In seiner äußersten Nacktheit: Mensch."
(Dag Hammarskjöld, Zeichen am Weg). In diesem hingebungsvollen Augenblick verlor Paulus alles und gewinnt alles: Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir (Gal. 2,20) Dieser Gewinn steht jenseits aller realistischen Kategorie, jenseits von Erfolgreichsein, Anerkennung oder Ansehen.

Dahinter bleiben wir wie die Korinther zurück. Hans-Joachim Eckstein kommt zu einem recht trübseligen Urteil: "Wir Christen sind die einzige Bibel, die heute noch von einer breiten Bevölkerungsschicht gelesen wird - aber ich fürchte, wir sind die schlechteste Übersetzung." Im besten Fall sind wir wie der reiche Jüngling, der für Gott beinahe alles aufgegeben hätte und dann doch in seine Realität zurückkehrte. Da können wir noch so gescheit daherkommen, noch so gewichtige Bekenntnisse stemmen, noch so schöne Lobpreisarrangements nachsingen. Und auch noch so sehr all das verachten.
Weder Dogma, noch Gelehrsamkeit, noch Gesang sind vergeblich, davon bin ich überzeugt. Aber ohne den Sprung in die Wirklichkeit, ist es nichts. Hingabe an Gott nennt es Paulus.

Wenn ich mit Mensch- und mit Engelszungen redete
und hätte diese Liebe nicht,
so wäre ich eine bronzene Glocke oder eine silberne Schelle.
Redete ich wie ein Prophet, wüsste alle Geheimnisse, hätte alle Erkenntnis und allen Glauben,
aber die Liebe nicht, ich wäre nichts.
Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe, meinen Leib hingäbe, um Ruhm und Ansehen zu gewinnen,
und hätte der Liebe nicht,
es wäre mir nichts nutze

(Vgl. 1.Kor. 13,1-3)

Ich gestehe, dass mir der Geldschein Liebe zu groß ist. Ich habe kein Portemonnaie, das ihn fassen könnte und was sollte er auch da? Es ist eine Aufgabe der Gemeinde und im Grunde vor allem der Theologie, diesen Schein in Kleingeld umzuwechseln.
Doch zeige ich mich jetzt nicht gerade selbst wie der reiche Jüngling, der zunächst sorgsam die Umstände und Bedingungen prüfte? Die Aufgabe ist stets die Aufgabe der anderen. Es ist immer geschickt von den Anderen Verantwortung zu verlangen. Man braucht nichts zu tun, ist aber immer im Recht. Nein, der große Brocken bleibt also an mir. Gut so, keine unrechtmässigen Zugeständnisse!

Mittwoch, 2. September 2009

Der dreizehnte Schlag

1.Kor. 5,5 ... ihn zu übergeben dem Satan zum Verderben des Fleisches, auf dass der Geist selig werde am Tag des Herrn Jesus.


"Zu den Schmerzen meines um Wahrheit bemühten Lebens gehört, dass in der Diskussion mit Theologen es an entscheidenen Punkten aufhört, sie verstummen, sprechen einen unverständlichen Satz, reden von etwas anderem, behaupten etwas bedingungslos, reden freundlich und gut zu, ohne wirklich vergegenwärtigt zu haben, was man vorher gesagt hat - und haben wohl am Ende kein wirkliches Interesse."
Karl Jaspers, Der philosophische Glaube


Was redet Paulus da? Er ist empört über einen anstößigen Vorfall in seiner Gemeinde. Ein Korinther Christ hat sich mit seiner Stiefmutter eingelassen. Das ist ohne Frage abgeschmackt. Hier aber zeigt sich, dass in Paulus mehr Jude als Grieche steckt. Denn statt hohlwangig wie Teiresias dem Ödipus die dunklen Wolken des Schicksals anzukündigen, tobt Paulus wider den Unzüchtigen wie der Prophet Elias und fleht auf den Übeltäter sogleich den Zorn des Verderbens hinab. Paulus greift ein in die Wirklichkeit und befiehlt den Satan hinauf. Das ist abstoßend. Mag sein, dass er im Recht ist. Aber dieses Toben ist nicht zu rechtfertigen. Und wen betrifft denn eigentlich sein Zorngespucke? Die Gemeinschaft, die das alles zulässt. Vielleicht begehrt der Apostel auf, weil es sonst niemand tut und sagt: "Recht ist das nicht."
Die ach so anspruchsvollen Korinther, laut mit Klage und Kritik, aber einspruchslos und nachgibig, wenn sie selbst betroffen sind.
Das ist heute auch nicht sonderlich anders: Das Bedenken und Ermahnen besorgt die Kirche gern, wird aber schweigsam, wenn sie selbst betroffen ist. Machiavelli bemerkte diesen einzigartigen Zug der Christen, sich taub und unberührt zu zeigen: "Ihre Untertanen", schrieb er über die christliche Herde und ihre Herren, "bekümmern sich nicht darum, dass sie nicht regiert werden und denken nicht daran, sich ihnen zu entziehen ..." (Der Fürst) Dieser seltsame Reflex zieht sich durch die Zeiten. "Unsere Kirche sollte nicht meinen, sie könne die Phase bunter Religiösität aussitzen." (Jörg Zink, Gotteswahrnehmungen)
Möglicherweise tobt Paulus im Ersatzzorn. Für ihn gibt es in Bezug auf seine Leute nur ein Unbedingt. Er ist kein Lehrer von 10 000 Richtigkeiten, sondern ein Vater seiner Gemeinde. Er ist zutiefst mit ihr verbunden. Dass er aber nicht völlig ins Beißen und Spucken gerät, verrät folgende geradezu kaltschneuzige Äußerung: Ich spreche gar nicht von den Hurern oder den Raffgierigen dieser Welt oder denen, die sich um Gott nicht scheren; da müsstet ihr die Welt ja räumen. Ich habe euch ja schon geschrieben, dass ihr mit denen nichts zu schaffen haben sollt. (vgl. 1. Kor. 5,10f)

Mir nun ist das Hickhack des Paulus zuviel. Mit niemandem in solch einem Zustand will ich in einem Boot sitzen, weil er es in heiligem Zorn zum Kentern bringt. Aber das korinthische Flackern zwischen geistigem Aufflammen und selbstgenügsamen Vor-sich-hin-Glimmen ist mir auch zuwider.
Der saubere Unterschied zwischen Wirklichkeit und Realität funktioniert hier nicht. Denn beide, Gemeinde und Gemeindegründer halten sich in ihren eigenen Refugien auf. Achselzuckend und schläfrig die einen, exzentrisch und eifernd der andere. Dann gibt es diesen Unterschied womöglich gar nicht und alles schwimmt wie Öl in Wasser ineinander zu einer undurchsichtigen Emulsion? Nein, das glaube ich nicht. Denn es gibt etwas, dass eins vom anderen trennt: Die Aufrichtigkeit. Niemand betrüge sich selbst! (1.Kor. 3,18), mahnt Paulus, und es klingt zunächst komisch nüchtern aus seinem Mund. Aber gerade seine offenkundigen Widersprüche machen es leicht, aufrichtig und nicht den Umständen entsprechend zu leben.

Sonntag, 30. August 2009

Der Riss in der Realität

1.Kor. 2,4 - Und mein Wort und meine Predigt war nicht in vernünftigen Reden menschlicher Weisheit gefasst, sondern Zeugnis des Geistes und der Kraft Gottes


"Und wenn du erwachst aus deinem Urteilstraum ...
Dag Hammarskjöld, Zeichen am Weg



Was die Wirklichkeit trennt von der Realität ist nur ein Riss, ein "Augenblick", ein "Sprung" (Kierkegaard). Dieser geringe Zeitraum, diese kleine Bewegung, im christlichen Jargon "Bekehrung" genannt, reicht aus, um von der Realität zur Wirklichkeit, von der Weltweisheit zum Glauben zu kommen.
Ein cleverer Zug des Paulus zu behaupten, dass selbst die höchsten Worte, von Menschen- und Engelszungen gesprochen, nicht an die Sphäre Gottes heranreichen. Mit dem Reden hat's nämlich nicht sonderlich gut geklappt beim Apostel. Doch wenn einer im Glauben - so wie er selbst - Gottes Weisheit herausnuschelt und stottert, ist das immer noch heiliger als das weltweise Wortgepuste der Korinther. Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm närrisches Zeug, und er kann es nicht erkennen. Denn es muss geistlich erkannt sein. (1.Kor. 2,14) Seht, da habt Ihr's, Ihr natürlichen Menschen!
Die Versuchung ist groß, sich am Zopf, ein geistlicher Mensch zu sein, aus dem Unbill der Welt emporzuheben. Der Apostel ist mächtig in Fahrt, bohrt und fräst am faulen Zahn der korinthischen Eitelkeit: Der geistliche Mensch ... richtet alles und wird von niemandem gerichtet (1.Kor. 2,15), versteigt sich der Apostel am Ende sogar. Was hat ihn bloß geritten, so etwas vom Stapel zu lassen? Hat er sich in eine peinliche Selbstrechtfertigung gedreht wie Sokrates, als er den Athenern während seines Prozesses vormaulte, er hätte keine Anklage, sondern eine Auszeichnung verdient? Paulus baut auf den rafinierten Unterschied zwischen natürlich und geistlich. Diese, könnte man meinen, ebenso arrogante wie fantastische Erklärung soll doch nur rechtfertigen, alle vernünftigen Maßstäbe hinter sich zu lassen, weil man weder in und erst recht nicht von der Welt ist.

Ginge es jedoch nur ums Rechtfertigen, Vergleichen und Urteilen, dann wäre zwischen Glauben und Realität, zwischen geistlichem und natürlichem Menschen im Grunde kein Unterschied. Nur der, dass zu den üblichen Vergleichspunkten, Erfolg, Kenntnisreichtum und Beredsamkeit, noch ein ominöser geistlicher hinzuträte, die "Vollmacht". Das wäre arm, wenn es nur darum ginge. Dann würde das ganze Christliche sich nicht lohnen und der gegenwärtige Abgesang auf Glauben und Kirche wäre zu Recht angestimmt.

Was aber verbirgt sich jenseits des Risses? Die Antwort des Paulus lautet Verantwortung. Die Korinther beleidigten ihn, und ordentlich verägert war er durchaus. Aber auf das Spiel, dass die Gemeinde mit ihm treiben wollte, ließ er sich nicht ein:Mir ist es ein Geringes, dass ihr mich richtet oder irgend eine menschliche Instanz mich wiegt und für zu leicht befindet ... Christus ist es, der mich fragt, er ist es, dem ich Anwort schulde. (vgl. 1.Kor. 4,3f) Der Apostel zieht sich auf keine höhere geistliche Ebene zurück, an die man nicht heranreicht. Was ihn mit einem Ruck in die Wirklichkeit riss, ist die Erfahrung, vor Gott Verantwortung zu haben. Warum verfolgst du mich? (Apg. 9,4) wurde er von Jesus zu jener Zeit gefragt, da ihn Paulus mit aller Kraft bekämpfte. Keine Anklage, kein Blitz göttlicher Allmacht. Viel erschütternder war, dass Christus von Paulus Antwort verlangte. "Wie furchtbar unsere Verantwortung. Wenn du versagst, dann ist es Gott, der durch deinen Betrug vor der Menschheit versagt." (D. Hammarskjöld, Zeichen am Weg)
Da muss man schon Gott abschaffen, um dieser Verantwortung zu entkommen. Doch eben dies taten die Korinther. Sie rechteten und verlangten, dass man ihren Ansprüchen genüge. Sie machten sich ihre Reime auf das Evangelium und verlangten, dass man sie mitsänge. Mit Christus bzw. dem Christus, von dem Paulus vor ihnen sprach, hatte all das nichts zu tun. Nur folgerichtig wurden sie die ersten Christen, die den Auferstandenen ins Grab zurückschickten.

Dienstag, 25. August 2009

Wohin mit der Theologie?

1.Kor. 1,20 - Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weltweisen?


Es gibt in Gott keine Sicherheit des Wissens, sondern nur Gewißheit in der Praxis des Lebens
Karl Jaspers, Einführung in die Philosophie


Der erste faule Zahn gilt der Scheinweisheit der Korinther. Auf kluge, wohlgesetzte Rede legte man dazumal großen Wert. Zugegeben, das deutsche Predigtgeschehen versucht einzig mit ersterem auszukommen. Von rhetorischen Regeln und Finessen sehen die geistlichen Kanzelredner und -rednerinnen gerne ab, was zur Folge hat, dass "ihre Version der frohen Botschaft" "nicht viel interessanter" klingt "als eine szenische Lesung der Wasserstandsmeldung vom Vortag." (Uwe Bork, Wer soll das alles glauben?). Aber dappig darf's auch heute nicht sein! So ebenfalls bei den Korinthern, die Wert auf intellektuellen Anspruch legten. Doch wo sind sie, die Klugen, Schriftgelehrten und Weltweisen?, fragte der Apostel. Wichtig ist die Frageform. Denn es geht ihm keineswegs darum, das Schriftgelehrtendasein - heute nennt man's Theologie - ad absurdum zu führen. In Korinth jedoch hatte schöngeistige, theologische Rede sich selbst zum Zweck, ganz im Sinne des antiken, bildungsbürgerlichen Maßstabs, die Griechen fragen nach Weisheit (1. Kor. 1,22). Rhetorisch mithalten wollten die Christen. Mit dem Reden aber hatte es der gute Paulus nicht so arg. Schlau war er wohl, aber mit schwerer Zunge belastet. Damit konnte er in der Stadt zwischen Athen und Pelepones nicht punkten. Und das ließen ihn die Korinther auch schmecken. Ich sage es noch einmal, niemand halte mich für töricht! (2.Kor. 11, 16), setzt sich der Apostel zur Wehr und versteigt sich zu der Aussage: Christus hat mich gesandt das Evangelium zu predigen - nicht mit klugen Worten, damit nicht das Kreuz Christi zunichte werde (1.Kor. 1,17) Die Frohe Botschaft muss nicht beweisen, dass sie Gottes Weisheit ist.
Die Wirklichkeit ist, die Realität muss sich beweisen. Die Realität besteht aus Leistungsnachweisen, Kurswerten und Vergleichen. Werte, Zeugnisse und Vergleiche haben den Vorteil, dass man über sie auf die Realität Einfluss nehmen kann. Man kann über Genügen und Ungenügen bestimmen. Die innere und äußere Verfassung bei den Korinthern war - und hier gleichen sie uns heute-, völlig auf den Vergleich angelegt. Auf dieses Machtspiel lässt sich Paulus nicht ein, weil er die Macht der Wirklichkeit kennengelernt hat. Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. (1.Kor. 3, 11) - so lautet sein heiliges Basta!

Die Theologie, die Klugen, Schriftgelehrten und Weltweisen haben sich bei den Korinthern ihr eigenes Biotop geschaffen. In dieser geistvoll durchfeuchteten Landschaft können sie bestehen. Die Frage ist kann die Theologie auch ausserhalb dieses gemeindlichen Schutzgebietes, an den Hecken und Zäunen der Wirklichkeit bestehen? Helmut Thielicke schildert dazu folgende Erfahrung aus der Nachkriegszeit: "Wir erlebten die Rückkehr vieler Pfarrer aus langem Kriegsdienst oder schwerer Gefangenschaft. Beides hatte sie mit Grenzsituationen der Menschlichkeit konfrontiert und einem sehr elementaren Schicksal begegnen lassen Sie waren aus jeder Art kirchlichen Gettos herausgerissen und zu den unmittelbarsten mitmenschlichen Kontakten geführt worden. Jederman dachte, daß müsse sich nun sehr erkennbar auf die Art ihrer Verkündigung auswirken ... stiegen sie aber auf die Kanzel, so war von dieser Unmittelbarkeit wenig zu spüren. Gleichförmig und im gewohnten Flußbett strömten die üblichen Gewässer herab ... Und neigte man vorher noch zur Feststellung, daß 'der ganze Kerl im Feuer des Kriegsschicksals umgeschmolzen und umgekrempelt' worden sei, so schien er auf der Kanzel ohne erkennbare Zäsur dort fortzufahren, wo er 1939 aufgehört hatte." (H. Thielicke: Auf der Suche nach dem verlorenen Wort) Wirklichkeit auf der einen Seite, die Realität des pastoralen Gettos andererseits, Thielicke zeigte sich ernüchtert und enttäuscht wie unversehens die Pfarrer sich in ihre Kanzel- und Kirchenrealität zurückzogen. Wo sind die Schriftgelehrten? Verschanzt hinter der Tür zur Wirklichkeit.
Das freilich bedeutet nicht, Theologie und Theologen allgemein als untauglich zu verurteilen. Es gibt Beispiele von Theologen, Albert Schweitzer, Martin Luther King, Dietrich Bonhoeffer, Paulus selbst, die sich der Wirklichkeit nicht entzogen, sondern sich ihr hingaben. Aber die Weltweisheit hat Kraft und Macht, das Evangelium zu neutralisieren und keine Entscheidung zu treffen. Die Korinther geben hier abermals ein Beispiel. Sie trafen, statt sich der Wirklichkeit Gottes hinzugeben, eine Reihe theologischer Scheinunterscheidungen und Ersatzentscheidungen, über die sich Paulus echauffiert: Von denen aus dem Haus der Chloe weiß ich, dass ihr euch zankt. Einer bekennt: ich bin paulisch; der andere: ich bin apollisch, der dritte: ich gehöre zu Petrus, der vierte: ich bin christlich. Wie bitte? (vgl. 1.Kor., 1,12f)

Hier mag man lange klagen und sich brüskieren. Warum aber ist die Neigung nach kirchlichem oder sonstigem Getto, nach Realität so groß? Weil die Wirklichkeit viel weniger Vorteile bietet als die Realität. Sie ist zu gewaltig; mag der Satz, das Begrenzte kann das Unbegrenzte nicht fassen, auch zutreffen, er gewährt weder Trost, noch Sicherheit, noch Einfluss. Die Realität hat einen Zweck. Die Wirklichkeit nicht.

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